Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
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Atemtechnik, Energetische Spielereien, Takt- und Musikgefühl, Franklin, Feldenkrais, Ballett,…

Kloster am einsamen Weg zur inneren Selbsterkenntnis.

Tag 499: In Wien brodelt der Tango geradezu. Der Eindruck, dass an vielen Ecken zeitgleich vielfältigere Angebote zum Lernen, an Workshops und neue Milongas entstehen, dürfte nicht täuschen. Es verstärken sich die Diskussion zwischen Wiener old school Tango de Salon vs. new experiences vs. Argentinischen Dogmatikern.

Ich konnte letzte Woche an der TU Wien und an der Musikhochschule an ihren jeweiligen Tangoklassen teilnehmen. Ich habe neue Locations entdeckt und wurde Zeuge von Auseinandersetzung mit dem Tango aus verschiedensten Perspektiven heraus. Dass die Jugend/Studenten den Tango anders verstehen (wollen, können, dürfen), als wir „alten“ sentimentalen Figurenhamster, möchte ich zwar nicht so mir-nix-dir-nix hier herschreiben. Was aber nicht zu übersehen war, ist deren freier Zugang über alternative Konzepte zu ihren körperlichen Bewegungsmöglichkeiten. Atemtechnik, Energetische Spielereien, Takt- und Musikgefühl, Franklin, Feldenkrais, Ballett,… die Annäherung an den Tango kann auch so erfolgen. Als „alter“ Mann bin ich da im ersten Moment etwas überfordert. Muss ich doch zuerst einmal den sturen, starren und die Bewegung im Raum einschränkenden Basico über Bord werfen. Muss ich, das-mir-selbst-zuschauen, verlieren. Erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, wo in meinem Körper sitzt die Bewegung, wo habe ich was verankert und was ist das, für mich und meine Partnerin, energetisch Gemeinsame, im Moment des Schrittes.

Gar keine Frage: für mich und – wahrscheinlich auch andere – Tänzer jenseits der 50/55 ist es ziemlich hilfreich, wenn eine strukturierte Form des Tango in Kursen und Workshops geboten wird. Es ist aber auch einfach nicht zu übersehen, dass der Tango, den eine jüngere Generation anstrebt, ein höheres Maß an Dynamik, ein geringeres Maß an festen Choreografien, einen intensiveren Gebrauch der eigenen körperlichen Bewegungsmöglichkeiten und fließenden Rollentausch zwischen Führen und Folgen einfordert. Nach außen hin unterscheidet sich das nicht wesentlich von eingefahrenen und „choreografierten“ Standards den die meisten Wiener Tangoschulen anbieten. Es spürt sich, für das tanzende Paar, nur anders an. Es führt zu einer anderen inneren und persönlichen Erfahrung.

Und damit verbunden, ein neues sich selbst Kennenlernen. Etwas, dass mir im Moment sehr schwer fällt und sich anfühlt als müsste ich quasi ins Kloster zum Meditieren. Während hingegegen, das erlernen von Figuren ziemlich einfach und bequem geworden ist. Und damit verbunden, das ein- bis zweimal die Woche „Figuren pauken“ in meiner Tanzschule zu einer mich langweilenden Routine erstarrt.

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