Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
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Der Tanzkurs startet

Tag 15: Die Zehntelsekunde in der mich der Tango gefunden hatte.

Und los geht’s. Ich war wieder zur Tanzschule gekommen, stand vor der Eingangstüre und hatte ein gutes Gefühl. Zugegeben, so richtig hatte der Tango Argentino noch nichts mit mir zu tun. Es war überwiegend schon noch so, dass ich hier war, weil es ein Freundschaftsdienst werden sollte. Möglicherweise war das aber die am besten zu mir passende Art dem Tango zu Begegnen um später irgendwann in den Tangohimmel aufzusteigen. Jetzt aber, war es zuerst einmal Schule. Dort die Meister, hier der Erstklässler. Das zwangsläufige Wechseln von Straßenschuhen zu Tanzschuhen, ließen mich indes zu einem Sechsjährigen schrumpfen. Während die nach und nach eintreffenden Kursteilnehmer sich in alter Vertrautheit begrüßten und recht zackig das Schuh- und Kleidungstechnische hinter sich brachten und in kürzester Zeit am Parkett standen, zog sich für mich alles hin. Hawking kann nicht recht haben, dass es eine kurze Geschichte der Zeit gibt. Das Binden der Schnürsenkel wurde zum taktischen Spielchen. Den richtigen Moment erwischen um ohne viel Aufmerksamkeit zu erwecken meinen Platz am Parkett zu finden. Unerbittlich blieben die Augen von Gabi auf mich gerichtet, während sie mit meiner Tanzpartnerin – die ihren Schuhwechsel unnötigerweise in Lichtgeschwindigkeit vollzogen hatte – Freundlichkeiten austauschte. Verzögern brachte jetzt nichts mehr. Jetzt ging es um Punktegewinn in den Disziplinen: Motivation, Coolness und positive Ausstrahlung.

Am Parkett zu stehen, fühlte sich dann ganz in Ordnung an. Neben uns ein anderes Pärchen. Die waren zum schnuppern da. Das kannte ich ja schon. Alles bestens – ich stieg wieder zum Erwachsenen auf, weil wir den Basico ja schon könnten, während Toni den „Neuen“ den Novizenbasico erklären würde.

Tja. Ich wusste, dass ich da irgendetwas nicht richtig machte. Ich hätte bloß von 1 nach 8 zählen brauchen. Dann wäre mir sicher klar gewesen, dass nach der drei eine vier und nicht die fünf kommt. Ich hätte meiner Partnerin auch Vertrauen können, als sie mir das sagte. Irgendwie war ich hier nicht im Himmel, auch nicht im Fegefeuer. Ich war in der Hölle angelangt.

Ich bin Erwachsen, ich bin Zahlender, Gabi und Toni sind Dienstleister. Das ganze ist Arbeit und Arbeit nimmt man ernst. Basta. Zurück an den Start. Konzentrieren. Also, stand ich neben dem Schnupperpärchen und beobachtet aufmerksam. Jetzt erst nahm ich – endlich – auch meine Partnerin wahr. Sie merkte es. Ein Seufzer zeigte es an. Lektion eins war gelernt. Beim Tanzen darf ich meine Befindlichkeiten, Flausen und sonstige Eigenheiten haben, aber es dreht sich nicht um diese. „Zwei ernste Mienen und vier Beine, die sich köstlich amüsieren“, mit diesen Zauberworten erlöste Gabi mich aus meiner Spannung.

Einfach von vorne wieder anfangen. Jeden Schritt nacheinander tun. Mal langsamer, mal schneller, auf sonst nichts mehr achten. Ich spürte meine Partnerin. Sah ihr in die Augen. Sie fühlte sich gut an. Ich genoss ihre Gegenwart, ihre Körperlichkeit. Oh, die Schritte…über die dachte ich nicht mehr nach. Sie dürften ganz gut geklappt haben. Meine Partnerin hatte deutlich mehr zu leisten. Es war schön zu beobachten, wie sich der Ocho von unkontrollierbaren Schrittlängen, in unterschiedlichen Tempi und wackeligen Drehungen, zu einer flüssigen Acht entlang einer imaginären Kreidelinie entwickelt hatte. Im Wesentlichen war meine Aufgabe ja nur, mit begleitenden „bürstenden“ Schritten, präsent zu sein. Daumen hoch für diese Art die Füße zu bewegen.

Am Ende meiner allerersten regulären Tanzkurseinheit tanzten wir zu „La Cumparsita“ Basico, Ocho und ein paar – nennen wir es nachsichtig – „eigene Kreationen“, an die ich mich nicht mehr erinnere. Vielleicht dauerte der Moment nur eine einzige Zehntelsekunde lang, in der ich dachte – nein, in der ich fühlte – ich hätte echt getanzt. Heute weiß ich, es war diese Zehntelsekunde in der mich der Tango gefunden hatte. Ich mochte den Tango Argentino. Na, wenn das kein Erfolg nach einer ersten Tanzstunde ist.

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