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Musik

100 Jahre “La Cumparsita”

Poster zu La Cumparsita

Der bekannteste und meistgespielte Tango aller Zeiten stammt aus Uruguay. 1916 wurde er von Gerado Hernan Matos Rodríguez komponiert. Am 17. April 1917 kam es zur legendären Aufführung durch Roberto Firpo im Gran Cafe “La Giralda” in Montevideo. Bis heute sind ca. 2000 Aufnahmen von “La Cumparsita” entstanden.

Der damals 19-jährige Architektur-Student kannte keinen Noten und spielte Klavier nach Gehör, als er von der Föderation der Studenten Uruguays den Auftrag erhielt, eine marcha für ihre murga zu komponieren. Eine murga war eine Gruppe die im Karnevalsumzug marschierte. Sie wurde von einem dafür komponierten Marsch begleitet. Rodríguez komponierte ein Stück das er „La Cumparsita“ nannte. Es besteht aus drei Teilen. Seine rhythmische Struktur schwankt zwischen Habanera und einem 4/4 Takt.

In San Gregorio de Polanco, im uruguayischen Département Tacuarembó, wird eine 82 Meter lange Straßenpartitur von “La cumparsita” gemalt. © twitter @Dmartinez_uy

Angeblich sagte er, während er in den tiefen Lagen Klavier spielte: „Das muss nach Neger klingen!”* Seine Schwester, die ihn auf das Notenblatt übertrug, meinte entsetzt: “Um Gottes Willen, das ist ja ein Tango!” Der Tango galt als anstößig. Tatsächlich hatte sich aber, der Karneval in Montevideo und in Buenos Aíres, wie auch der Tango selbst, schon ein Stück weit von seinen schwarzen Wurzeln weg entwickelt. Der Tango war über den Ozean gereist und in Frankreich europäischer Geschmackskultur ausgesetzt. Er sickert modernisiert langsam wieder zurück in das Gebiet des Río de la Plata. Dort waren die Schwarzen inzwischen marginalisiert, wenn nicht schon völlig verschwunden. Im Tango blieb ihr Beitrag zur Musik präsent. So wie der Beitrag der Weißen zum Tanz im Tango präsent ist.

Francisco Canaro meint seinem Buch “Mis bodas de oro con el tango”, dass sich die musikalische Struktur von “La Cumaparsita” wunderbar dazu eignet, durch ein Orchester höherer Qualität, nuanciert und präzisiert zu werden. Jeder Orchesterleiter arrangiert eine eigene Ordnung und entwickelt seine persönliche Interpretation. Das ist die bemerkenswerte Tugend dieses Tangos.

Matos Ridriguez und La Cumparsita

Gerado Matos Roriguez, der Komponist von “La Cumparsita”

Verbreitung fand „La Cumparsita“ durch den Tangomusiker Roberto Firpo und dessen Orquesta Típica. Das von Rodríguez erstellte schriftliche Notenblatt war noch ziemlich elementar. Firpo beauftrage den Pianisten  Carlos Warren “La Cumparsita” neu zu arrangieren. Laut Firpo selbst war “La Cumparsita” nur in seinem ersten Abschnitt harmonisch. Deshalb entlehnte er einen Auszug aus seinem Tango “La gaucha Manuela” und steckte ihn für das Trio-Drittel in eine Sequenz  der Oper “Miserere” von Giuseppe Verdi. Somit vereint die heutige Version von “La Cumparsita” die Musik von Matos Rodríguez, Roberto Firpo und Guiseppe Verdi. Dieses neue Tango-Arrangement, wurde von Roberto Fripo erstmals im Cafe La Grialda in Montevideo aufgeführt wurde. Diese Aufführung, am 19. April 1017, wurde zur Sensation. Matos wurde auf Schultern aus dem Saal getragen. Ein dort anwesender Vertreter des Musikverlages Breyer Hermanos, kaufte noch am selben Abend die Rechte an diesem Stück. (Anm.: es sind zahlreiche Varianten um das Datum der Erstaufführung im Umlauf.)

Unklar ist bis heute von wem die erste Plattenaufnahme stammt. Die Zahl der Möglichkeiten erhöht sich fortlaufend. Tatsächlich dürfte sich “La Cumparsita” unmittelbar zu einem Hit entwickelt haben. Für die erste Plattenaufnahme kommen – je nach Experten der befragt wird – mehrere Orchester in Frage. Roberto Firpo (1917) oder  das Orchester Alonso-Minotto (1917) jeweils in Montevideo. Eine  kolportierte Variante ist die Aufzeichnung durch das Cobián-Fresedo-Roccatagliatta Trio für das “Telephon-Label” in Buenos Aíres 1917. Die frühest mögliche Aufzeichnung könnte aber auch von Arist y Hermanos (1916) in Buenos Aíres stammen. Das Stück wurde 1918 an den Musikverleger Breyer in Buenos Aíres verkauft und damit einer kommerziellen Vermarktung zugeführt. Rodríguez war zu diesem Zeitpunkt noch minderjährig – und möglicherweise ein übermütiger noch dazu. Angeblich verspielte er die ohnehin geringe Summe dann auch in einer Pferdewette.

In den letzten Jahren hat es sich praktisch weltweit etabliert, „La Cumparsita“ zum Ende einer Milonga oder auch Übungseinheit als abschließenden Tanz zu spielen.

“La Cumparsita” Coverversion mit Text

Weniger bekannt und – in unseren Breitengraden – kaum gespielt, existiert von “La Cumparsita” auch ein tango canción. 1924 war “La Cumparsita” etwas in Vergessenheit geraten. Ohne Rücksprache und Erlaubnis durch den Komponisten schrieben Pascual Contursi und Enrique Pedro Maroni einen Text zur Musik. Sie nannten das Stück „Si supieras“. In Folge entspannte sich ein Rechtsstreit zwischen Matos Rodríguez und den Textern, der erst im Jahr 1948 beendet wurde. Diese neue Version hatte ihre Premiere am 6. Juni 1924 durch Juan Ferrari. Carlos Gardel nahm das Stück ebenfalls 1924 in Buenos Aires auf und ein paar Jahre danach in Barcelona. 1926 wurde ein weiterer Text zu la Cumapsrita geschrieben, der 1930 von Titio Schipa eingespielt wurde.

“Si supieras” (La Cumparsita), Carlos Gardel & Guitarras de Barbieri y Ricardo, Barcelona Dezember 1927

Si supieras, que aún dentro de mi alma, conservo aquel cariño que tuve para ti…

Quién sabe si supieras que nunca te he olvidado, volviendo a tu pasado te acordarás de mí…

 

Los amigos ya no vienen ni siquiera a visitarme, nadie quiere consolarme en mi aflicción…

Desde el día que te fuiste siento angustias en mi pecho, decí, percanta, ¿qué has hecho de mi pobre corazón?

Sin embargo, yo siempre te recuerdo con el cariño santo que tuve para ti.

Y estás en todas partes, pedazo de mi vida, y aquellos ojos que fueron mi alegría los busco por todas partes y no los puedo hallar.

Al cotorro abandonado ya ni el sol de la mañana asoma por la ventana como cuando estabas vos,

y aquel perrito compañero, que por tu ausencia no comía, al verme solo el otro día también me dejó…

Wenn Du wissen würdest, daß ich immer noch in meiner Seele jene Liebe, die ich für Dich hatte, bewahre…

Wer weiß, wenn Du wüßtest, daß ich Dich niemals vergessen habe, zurückkehrend zu Deiner Vergangenheit wirst Du Dich an mich erinnern…

Die Freunde kommen mich nicht einmal mehr besuchen, niemand will mich trösten in meinem Kummer…

Seit diesem Tag als Du weggingst fühle ich Herzleid in meiner Brust, sag’ mal, Liebste, was hast Du mit meinem armen Herz gemacht ?

Trotzdem, ich erinnere mich immer an Dich mit der heiligen Liebe, die ich für Dich hatte.

Und Du bist in allen Teilen ein Stück meines Lebens und jene Augen, die meine Freude waren, suche ich überall und ich kann sie nicht finden.

Zu dem verlassenen Zimmer kommt nicht einmal die Morgen-Sonne durch das Fenster herein, so wie damals, als Du noch da warst,

und jener kleine Hund, ein Kamerad, der wegen Deiner Abwesenheit nicht aß, als er mich eines Tages allein sah, hat mich auch verlassen…

Quellen: *Michael Plisson, "Tango: Du noir au blanc", Palmyra 2001. www.todotango.com. Bilder: wikipedia (cc)

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