Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
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Der Basico

Tag 1: Das Herz erliegt einer verführerischen Perspektive

Um halb sieben Uhr am Abend öffnete sich die Tür zu einer mir vollkommen unbekannten Welt. Tanzen! Tango Argentino? Da hob ich maximal eine Braue. Und die sehr spöttisch. Gut, ich hatte ein paar Jahre zuvor Mal eine traditionelle Tanzschule probiert. War aber bereits zur ersten Pause der ersten Einheit geflüchtet. Ich stand irgendwo unter 30 anderen in einer Viererreihe und war der Alte. Ein junges Ding, so um die 25, wollte sich partout nicht von einem alten Sack angreifen lassen, als es um den Grundschritt des Disco Fox ging. Das banale Ende eines halbherzigen Versuches.

Meine “beste” Freundin, hatte angerufen. Ob ich sie nicht begleiten möchte. Sie würde in einer Tanzschule eine Schnupperhalbestunde machen. Sie möchte nicht alleine dort hin. Ich hätte nichts zu tun. Wir würden bloß zusehen, wie andere tanzen. Danach könnten wir ja entspannt auf einen Kaffee gehen. Tja, an Kaffee war ich wirklich interessiert. Auch an ihr, als Freundin.

Ich trat also durch die Tür von Tango-Creativo-Vienna im 16. Wiener Bezirk. Sieben Minuten nach der Begrüßung durch Gabi und Toni Altendorfer stand ich auch schon neben ihnen auf dem Tanzparkett – in meinen Socken (oh, welche Schmach). Von anderen Tänzern keine Spur. Vor mir stand meine Freundin. Ich hatte sie in Tanzhaltung im Arm. Ich schwitzte Blut. Transpirierend ergab ich mich meinem Schicksal. Ich war ein Feigling. Toni im Tanguero Style: schwarz-weiße Schuhe (so wie in Gangsterfilmen der 1950er), die Weste (achja, das must have Accessoires) und Hut. Das roch zuerst einmal alles nach Klischee. Vorurteile? Natürlich! Während Gabi schon nach drei Minuten ganz begeistert von den Tanzkünsten meiner Freundin war, wusste ich mit mir eher nix so richtig anzufangen. Trotzdem wurden wir in die acht Schritte des Basico eingewiesen. Unbeholfen, wackelig. Bis,… ja, es kam der goldene Moment. Bis,…Toni mir den Schlurfgang (Entschuldigung, für diese Respektlosigkeit – heute bin ich ja ein Meister im „bürsten“, aber damals…) näher brachte. Meine Laune entwickelte sich. Meine Partnerin plagte sich. Der Rückwärts-Ocho, aus der zwei, gerade zum zigsten Mal wiederholt. Ich stand bloß da – sah aber unheimlich gut dabei aus. Hauptsache die Tanzpartnerin kommt gut rüber. „Tu’ alles, dafür, damit Sie die Königin am Parkett ist“, bläute mir Toni ein. Na, besser kann es gar nicht beginnen. Männer dürfen den Macho geben und haben’s leicht. Mann führt. Frau folgt! Dachte ich mir jedenfalls.

Wir waren über die Schnupperhalbestunde hinaus geblieben. Das Parkett war zwischenzeitlich gut gefüllt. Atmosphäre die mir behagte. Musik an die ich mich langsam gewöhnte. Wir lernten auch noch den Vorwärts-Ocho aus der Fünf heraus kennen. Es war echt lässig. Tango Argentino schien mir machbar. Verstohlen – und etwas ungläubig – kokettierte ich schon damit, dass ich hier am richtigen Platz war. Wäre es wirklich möglich?

Das war’s dann mit dem ersten Abend. Wir würden es uns überlegen. Ich müsste auch noch in Schuhe investieren. Irgendwo im Hinterstübchen meinte die Ratio, überlege dir das noch einmal. Schließlich wollte ja nicht ich den Tango Argentino lernen, sondern die Freundin. Das Herz aber war beschwingt und schon längst einer verführerischen Perspektive erlegen.

Kommentare

  • Wie sich die Bilder gleichen. Es geht wahrscheinlich jedem so am Anfang, aber ab einem gewissen Alter benötigt es doch eines gewissen Mutes es so niederzuschreiben wie du es machst. Meiner Meinung nach gibt es ein paar Grundmuster: 1. Paare, die auch im richtigen Leben zusammen sind. 2. Paare, die durch die “Tanzstunde” oder über “Tanzbörsen” zueinander gefunden haben. Zu dieser Kategorie gehöre ich und hatte wahnsinniges Glück, dass es mit den Partnerinnen so toll klappte und die Chemie stimmte. 3. Kurse bei “Argentiniern”. Hier geht es um Fühlen, um Umarmungen (ambrazo), um Gehen und so weiter. Ich konnte in so einer Stunde nicht wirklich viel anfangen damit, nach einem halben Jahr war dies anders, da verstand ich erst was damit gemeint war. 4. Kurse bei “Tanzlehrern”: Da fühlte ich mich als “rationaler” Typ gleich viel besser aufgehoben, strukturierter Unterricht, Hinweise worauf es ankommt. Ja das brauchte ich zu Beginn.

    Und dann versuchte ich mich bald auf “Milongas” und vermischte die beiden “Schulen” und versuche seither meinen eigenen “Stil” zu finden. Unsicher und auf wackligen Beinen manchmal und nicht immer “in der Achse”, aber mit viel Leidenschaft und Spaß.

  • Super Beitrag Bernhard! Ich freue mich schon auf die nächsten!!! Erinnert mich auch an meine Anfänge. Vielleicht wird ja mal ein Buch draus. Ich würde es sofort kaufen :o)

    • Vielen lieben Dank für das positive Feedback. Fortsetzung folgt. Selber lese ich lieber Bücher als welche zu schreiben 😉
      LG Bernhard

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