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Meine erste Milonga

Milonga

Tag 129: Der Tango macht die Fliege

Heute noch habe ich die eindringliche Warnung von Gabi, meiner Tango-Lehrerin, im Ohr: „Es braucht schon ein gutes dreiviertel Jahr bis zur ersten Milonga.“ Ich stand also gerade am Beginn meines zweiten Tango-Trimesters, als mir Christine vorschlug, mit ihr gemeinsam eine Milonga zu besuchen. Ich müsse nicht unbedingt tanzen, aber es wäre doch eine Gelegenheit. Ich könne auch bloß die Begleitung sein und entspannt bleiben. Na, das Prinzip kannte ich schon! So ungefähr hatte seinerzeit ja mein Tangoleben auch begonnen.

Mit einer gewissen neugierigen Vorfreude (auja, endlich auf einer Milonga), aufkommenden Selbstbewusstsein (na, das klappt dann schon) und gleichzeitiger hoffnungsloser Resignation (aber ich kann doch noch nichts) gingen drei sehr verschieden Persönlichkeiten mit meinem Körper in diesen Abend. Es war eine wirklich nette Geste von Christine mir eine Milonga zu zeigen. Das Vertrauen, dass Sie in mich hatte, zeigte von Wertschätzung. Ich bezog das aber weniger auf meine Tanzkünste. Auch wenn sie meinte, dass ein sauber geführter Basico mit ein paar Ochos und dem einen oder anderen ordentlich getanzten Giro auch was her machen würden. Ich sollte mich selbst nicht ganz so kritisch sehen.

Meine Milonga „Prüfung“ stand bevor. Sie sollte in einer bekannten Tanzschule stattfinden. Am Eingang wurden wir nur beiläufig wahrgenommen. An der Bar, wo wir den Eintritt zahlten, wurde wir schweigsam „abgefertigt“. Der Tanzsaal wirkte aber recht ordentlich. Wir zogen uns erst mal auf eine schlichte Couch zur Lagebesprechung zurück und versuchten uns am Wein. Vis a vis hatte sich ein Grüppchen um einen großen Tisch herum versammelt. Sie waren in lebhafte Gespräche vertieft. Tanzen stand da wohl nicht im Vordergrund. Pflege der Sozialkontakte, würde es der Coach nennen. Das schienen jene Kursbesucher zu sein, die sich als freundschaftlich mit den Veranstaltern verbundenen fühlten. Wir wirkten also irgendwie distanziert. Wie saßen quasi auf einer Insel da und nippten vom Wein. Ein bisschen kühl die Atmosphäre. Ein bisschen Fremd das Feeling.

Der Tanzsaal war gut dimensioniert. Musik kam von einem einsamen Laptop. Niemand am Parkett. Trotzdem beobachtet von der Runde da draußen. Meine Begleitung wurde doch tatsächlich zum Tango aufgefordert. Ich hatte Glück. Die Damenwelt schien immer noch mehr an den Snacks interessiert zu sein, als an mir. Ziemlich erleichtert ließ ich mich auf einem Stuhl nieder. Doch dann näherte sich mein Schicksal. Sie stellte sich vor. „Ob ich denn nicht tanzen würde?“ „Nein, ich wäre noch Anfänger!“ „Aber, ein paar Schritte würden doch gehen. Jeder war mal Anfänger. Abgesehen davon, einen Korb zu geben, das ginge nun schon gar nicht.“ Augen zu und durch. Es blieb jetzt keine Wahl. Meine erste – so richtig – fremde Frau im Arm. Ahhhjaaa… Vorsicht. Aufstellung zum Basico. Das klappte ja. Eins, zwei…“und Stopp!“, befahl sie. Grundregel auf einer Milonga: Kein Rückwärtsschritt! Aus der Eins gleich rüber in die Zwei. Huch. Also, das hatten mir meine Tanzlehrer bisher verschwiegen. Neuer Anlauf. Eins, seit in die Zwei,..die Dame locker in einen Rückwärts-Ocho geführt. Aber,…zur Hölle,…wo stand die jetzt? „Stopp!“, kam der Befehl. Was das hätte werden sollen? Na, ein Rückwärts-Ocho (ich kannte ja sonst nix aus der Zwei). Na, das ginge viel leichter. Sie würde das kurz führen. Okay,…was Neues. Daran war ich interessiert. Also. Eins, seit, zwei, Führung…aha, nicht parallel zum Mann, sondern leicht versetzt nach hinten… und jetzt? Ich solle es ihr gleich tun. Viertelverzwickter Ocho nannte ich das spontan. Nahm mir auch gleich fest vor, diesen Schritt umgehend zu vergessen. Nie und nimmer kann das richtig sein. Was weiß ich, wer diese Dame ist und was sie tatsächlich kann. Vorerst mal mitmachen. Ich gehöre ja einer Generation an, die Galanterie gegenüber der Damenwelt noch erlernte. …drei, vier, fünf…Vorwärts-Ocho,…sechs, sieben, acht. Na, das ging ja. Und wieder von Vorne. Leider hatten mich nach drei Monaten Tanzkurs gewisse Ablaufmuster fest im Griff. So kam dann, im vierten Basico, der Giro automatisch. Meine Tanguera blieb einfach stehen. Null, nix, niente. Sie war zu massig. Nirgendwo hin konnte ich sie bewegen. Ein Handtuch wäre jetzt genau richtig. Der Schweiß hatte mich im Griff. Der Tango machte die Fliege. Irgendwie kam ich dann doch wieder zu Luft und aus dieser Nummer raus. Irgendwann saß ich dann wieder mit meiner charmanten Begleitung auf unserer Insel. Schlecht fühlte ich mich nicht. Endlich wusste ich, wo ich mit meinen Tanzkünsten tatsächlich stand.

 

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