Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
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Pablo & Ludmila, Musik und Tango Argentino

Wann trifft man schon ausgezeichnete Musiker die auch ausgezeichnet den Tango Argentino tanzen? Pablo Fernández Gómez und Ludmila Srnková sind genau das. Beide sind professionelle und ausgebildete Musiker, aber auch Tango Argentino Tänzer. Unter ihrem Markenzeichen „Pablo & Ludmila“ spielen sie live Tango Musikstücke, die sie dann auch tanzen. Das ist ihre Show. Damit reisen sie um die Welt. Sind die beiden in einer Stadt, bieten sie dort auch Unterricht an. Eine dieser Gelegenheiten bot sich am Samstag den 5. Mai, im Wohnzimmer von Germano (Tangogermano) Milite, im 16. Wiener Bezirk.

Die beiden sind jung. Pablo ist erst 25 Jahre alt. Zuerst einmal irritiert das etwas. Einige der hier anwesenden „Schüler“ haben möglicherweise mehr Lernjahre in ihren Füßen als, die beiden „Maestros“. Aber rasch lerne ich diese Jugendlichkeit zu schätzen. Sie nötigt mir ordentlich Respekt ab. Hier stehen zwei vor uns, die Begeisterung und Leidenschaft haben, die Persönlichkeit besitzen. Es ist dieses Unverbrauchte. So manches kommt auch einfach frech und übermütig daher. Ja, so frisch und Lebendig kann der Tango auch sein.

Pablo stammt aus Chile. Aufgewachsen in einem musischen Familienverband. Sowohl Vater, wie auch der Großvater waren und sind Cellisten und Orchesterdirigenten. Schon früh plante Pablo eine Ausbildung zum Klassik-Musiker in Europa. Sein Tanzlehrer, Miguel Cano – einer der besten seines Faches in Chile – empfahl ihm einen Lehrer in Karlsruhe. Aber, als es dann so weit war, hatte dieser Lehrer schon seinen Ruhestand angetreten. So war es dann ein Freund, der bereits in Wien studierte, der ihm die Musikuniversität Wien empfahl. In Wien lernten sich dann Pablo und die aus Tschechien stammende und ebenfalls in einem Berufsmusiker-Elternhaus aufgewachsene Ludmila, kennen. Nicht an der Uni trafen sie sich, sondern beim Salsa. Obwohl beide Konzertfach und Pädagogik im selben Haus studierten. So lernte Ludmila auch den Tango Argentino kennen. Und war von dessen Musik, Emotionalität und Eleganz hingerissen. Der Tango Argentino bildete fortan den Lebensinhalt des jungen Studentenpaares.

Pablo und Ludmila im Wohnzimmer von Tangogermano

„Es gab da einen Club in der Schikanedergasse, der einen sehr schönen Platz für uns und den Tango bildete. Dort waren auch viele junge Leute,“ erzählen sie von ihrem gemeinsamen Tangoleben in Wien. „Ich denke, dass hat uns sehr geholfen. Wir haben auch zu Hause viel getanzt. Das weckte viele Erinnerungen an Chile. Ich glaube wir haben Tango getanzt weil wir es mochten. Wir haben unsere Instrumente verlassen, gar nicht mehr gespielt. Zwei Jahre lang, weil wir uns ausschließlich dem Tango gewidmet haben“, erzählt Pablo. „Ich übte täglich Stunden lang Geige und das Studium war auch nicht einfach, woher hätte ich genug Zeit für Tango nehmen sollen?“ schildert Ludmila ihre Zeit in Wien. Sechs bis zehn Stunden wurde tagtäglich sehr intensiv Tango trainiert und auch unterrichtet. Wien verließ sie dann aber doch mit einem ordentlichen Universitätsabschluss. Seit eineinhalb Jahren leben die beiden in Berlin. Dort packten sie ihre Instrumente dann auch wieder aus – um ihrer großen Leidenschaften Musik und Tango Argentino unter einen Hut zu bringen. Langsam gelingt es ihnen immer besser. Gerade auch deshalb, weil sie es Professionalisiert und eine Show daraus entwickelt haben. Wohl auch, weil sie merken, dass da etwas Besonderes in ihrem Leben am Entstehen ist.

„Unterrichten wir, so versuchen wir die Musik so zu vermitteln, dass die Schüler ein Gefühl für sie entwickeln, sie besser verstehen, um danach ihre eigenen Schritte zu erschaffen. Gerade Pausen in Rhythmik und in der Melodie einzelner Instrument können als Stilmittel während des Tanzes wunderbar genützt werden.“

Die Spielräume musikalischer Interpretationen eines Tangostücks sind beinahe unendlich. Melodie, Bass, Begleitung, Rhythmus, die Rollen der Instrumente. Es geht also um das Verstehen des Zusammenspiels der einzelnen Instrumente. Es geht um das Heraushören, welches Instrument gerade die Geschichte des Stückes „erzählt“. Erst dieses Verstehen sorgt dafür, auch sich selbst und seine eigenen Bewegungsmuster besser in das Tanzen einzubringen. Daraus folgt eine gewisse Freiheit. Nämlich die, sich von antrainierten Figuren oder auch deren vielleicht bereits standardisierter Abfolge lösen zu können. Wir sollen sensibler für die feinen Signale der Musik werden die unseren Körper und Geist zur individuellen Bewegung stimulieren. Es sind ja unsere Bewegungen die unseren Tanz erst gestalten.

 

„Unser Tango orientiert sich ausschließlich an der Musik, seiner Geschichte und der Stimmung in der wir gerade im Hier und Jetzt sind. Er kann Bewegungen enthalten, die neu sind, auch für uns. Aber wir tanzen trotzdem immer einen klassischen Tango Argentino.“

Im Wohnzimmer von Germano Milite hören wir Pablo am Klavier und Ludmila an der Geige zu. Nahe, sehr nahe. Wir nähern uns Takt für Takt der Interpretation, so nahe wie es jedem Einzelnen möglich ist. Praktisch läuft das so ab: Die beiden spielen etliche Takte eines Stückes*. Erklärungen dazu sind zunächst nur knapp und kurz. Das eben live gespielte Stück wird anschließend per Laptop immer wieder abgespielt. Pablo und Ludmila vertiefen uns die einzelnen Passagen. Sensibilisieren uns zunächst auf den Rhythmus. Wir versuchen zu spüren, zu finden und zu gehen. Danach achten wir auf die Geige oder das Bandeon. Wir versuchen nur zu den jeweiligen Instrumenten zu tanzen. Wir finden Figuren die uns passend erscheinen. “Was hören wir da?” Pablo fragt uns nach der Geschichte die erzählt wird. Zwischendurch greift Ludmila immer wieder zur Geige und präzisiert den einen oder anderen Takt oder variiert ihn.

„Die Verbindung von Frau und Mann, dass was sie zusammen hören ist wesentlich. Die Technik kann man immer verbessern. Aber getanzt wird in diesem Moment. Darum geht es.“ Beide müssen das gleiche hören. Zuerst mit dem Rhythmus anfangen, dann alles was melodisch ist, dann die einzelnen Instrumente. Zu den jeweils gehörten musikalischen Passagen zeigen sie uns eine Reihe von möglichen getanzten Interpretationen. Ein Tangohimmel eröffnet sich. Die Perspektiven scheinen immer größer zu werden. Ich bekomme eine Ahnung, dass ich mich viel mehr mit der Musik beschäftigen sollte.

„Musik ist das Allerwichtigste, dann folgen Haltung und Umarmung.“

Gut dass ich auch noch eine Lerneinheit zu Giro und Sacada bei den beiden genommen hatte. Denn das sind sie auch: gute Lehrer. Es sind ganz simple Korrekturen an Haltung, Oberkörper und Beinbewegungen, die sie an mir vornehmen. Sie beobachten gut. Kommentieren selten – aber dann sehr pointiert und respektvoll. „Es ist die Umarmung, das damit verbundene spüren des Gewichts des Gegenübers. Das ist Wesentlich um zu fühlen wohin wir uns als Paar bewegen werden.“ Das Vertrauen in die beiden ist groß geworden. Groß ist plötzlich auch die Verbindung zwischen „meiner“ Sacada, der Musik und mir selbst mit meiner Partnerin.

Ludmila, Germano und Pablo mit Tangobegeisterten Workshopteilnehmern in Wien

*Die ausgewählten Musikpassagen stammen aus:

„Cabeza de novia“ (Vals), „La Cumparsita“ (Tango), „Chau Pinela“ (Tango).

Homepage von Pablo & Ludmila

Homepage von Tangogermano

Bilder, Video © 2017, Pablo Gómez, Germano Milite, Bernhard Siegl

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