Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
Szene Szene Wien

Tango passiert zwischen den Schritten

Germano (Tangogermano) Milite, Tango Lehrbuch

Ein Gespräch über “Kommunikation im Tanz” mit Germano Milite.

Seit 12 Jahren lebt, der aus Salerno/Italien, stammende Germano Milite in Wien und hat sich hier als Tango Argentino Lehrer etabliert. Anlass für unser Gespräch ist sein Buch „Kommunikation im Tanz“. Die Veröffentlichungen der deutsch- und italienischsprachigen Ausgaben ist derzeit in Vorbereitung.

(BS) Das ein Tango Argentino Lehrer in Wien ein Buch zum Tango Argentino schreibt ist doch ziemlich ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

Germano (Tangogermano) Milite

(GM) Natürlich habe ich mich nicht hingesetzt und gesagt: „Heute schreibe ich ein Buch.“ Das Buch ist eine greifbar gewordene Manifestation meiner Beschäftigung mit dem Tango und den Möglichkeiten ihn zu erlernen. Genau genommen habe das Buch schon vor 15 Jahren zu schreiben begonnen. Ich hatte in München die Möglichkeit bekommen als Tango Argentino Lehrer zu arbeiten. Zunächst wollte ich das nicht. Ich war ja kein Tanzlehrer. Also habe ich damit begonnen die Fragen der Schüler aufzuzeichnen. So hat sich ein 10-Fragen-Katalog ergeben zu dem ich einen           10-Antworten-Katalog entwickelt habe. Antworten auf Fragen wie, zB. „Welche Länge sollen meine Schritte haben, und warum?“ Antworten auf die Wünsche, Erwartungen und Schwierigkeiten im Tango Argentino. Diese Antworten konnte ich als Tänzer geben. Ich war daher als Tanzlehrer relativ rasch gut gebucht. Schon damals hatte ich das Gefühl auch eine „neue“ didaktische Methode dazu entdeckt zu haben.

(BS) Man stellt sich ja nicht einfach hin und ist dann schon Tänzer und Tango Argentino Lehrer?

(GM) Tänzer sein, Lehrer sein, sind verschiedene Dinge. Als Tänzer möchte ich vielleicht etwas anderes machen, als die Dinge die meine Schüler von mir erwarten. Aber es hilft schon, wenn man einen eigenen Weg zum Tango Argentino Tänzer gegangen ist. Vor allen Dingen hilft es, wenn man Musiker ist und versteht und hört was diese Musik ausdrücken will. Als Lehrer muss ich in erster Linie ein Gefühl für die Möglichkeiten der Bewegungen meiner Schüler haben. Da brauche ich eine Idee wie Bewegung funktioniert und an welcher Stelle der Musik Bewegung überhaupt notwendig ist.

(BS) Du sagst „…an welcher Stelle Bewegung überhaupt notwendig ist.“ Das führt zu diesem Thema der Tango-Artistik. Dort wo versucht wird, quasi so viel wie möglich an Figuren aus dem Tanz heraus zu quetschen. Was mich aber tatsächlich am Tango Argentino interessiert und letztlich auch fasziniert, ist seine natürliche, logische Bewegung. Wenn der Tango funktioniert, dann sieht alles nach runden einfachen Bewegungen aus, die quasi aus dem Moment heraus fließen.

(GM) Du musst Bewegungen künstlich bearbeiten, wenn du eine Tango-Show machst. Aber beim Tango geht es darum: “was macht meine Bewegung mit meiner Partnerin?” Du bewahrst den Kontakt durch deinen natürlichen Gang. Natürlich, wenn du Fehler machst, dann musst du versuchen sie zu vermeiden. Es gibt viele Faktoren die Bewegungen beeinflussen. Wenn es einer Frau nicht so gut geht, dann will sie vielleicht nicht umarmt werden. Oder sie geht in die Knie und drückt dich nach unten oder sie lehnt zu viel auf deinem Körper. Die Schwierigkeit für dieses Buch war es, einen Prozess zu finden der alle diese Fehler abdecken könnte und eine Lösung anbietet wie man effektiver einen Lernprozess erreicht.

“Alles im Tanz des Tango Argentino

führt zum Kontakt”

(BS) Als Tango-Schüler kenne ich ja das Thema „Gehen“ als ewigen Streitpunkt bei den Positionierungen der Tanzschulen. Manchmal grenzt das schon an gewissen Fanatismus. Insofern gefällt es mir schon, wenn da einer endlich wieder Mal von „Kommunikation im Tanz“ spricht. Wie verstehst du in diesem Zusammenhang den Begriff Kommunikation?

(GM) Es ist ein Missverständnis wenn unter Kommunikation nur die Beziehungsebene zwischen den Tanzpartnern verstanden wird. “Alles im Tanz des Tango Argentino führt zum Kontakt.” Jeder Fehler bedeutet den Verlust des Kontakts. Dieser Kontaktverlust ist das zentrale Thema und die zentrale Schwierigkeit. Der Kontakt ist das zentrale Ziel der Tanztechnik. Ich bin auch ein sehr analytischer Mensch. Deshalb habe ich erkannt, dass „Kommunikation im Tanz“ auf drei wesentlichen Säulen beruht:

  1. Die Kontakttechnik. Du bist in den Armen der Partnerin, des Partners. Da spielt die Wahrnehmung deines eigenen Körpers eine Rolle. Also, wie kommuniziert mein Körper mit mir? Dafür bedient er sich fünf – ich nenne sie Elemente – die in der Bewegung wesentlich sind: Gewicht, Achse, Schulter, Rotation und Hüfte. Mit der fokussierten Wahrnehmung dieser Elemente entwickelst du eine Kontakttechnik mit deiner Partnerin oder deinem Partner.
  2. Die Gangtechnik. Du hast eine gute Umarmung, aber du bewegst dich nicht. Man weiß nicht, wie man die Umarmung halten soll. Zu 90% basiert der Gang auf ganz natürlicher Bewegung. Aber dann kommen eben die 10% – nennen wir sie – Tangosity dazu, die eben nur im Tango gebräuchlich ist und für die wir kein Programm abrufen können.
  3. Musik Interpretation. Die erste Interpretation der Musik ist ihr Rhythmus. Hier kommunizieren wir mit rhythmischen Strukturen und rhythmischer Interpretation der Melodie. Verbindest du den Rhythmus mit deiner Bewegung, dann lösen sich technische Probleme fast schon von selbst.

Tanzen bedeutet also, diese drei Punkte „Schritt für Schritt“ zusammen zu halten, bis der Tanz zu Ende ist.

Am Plakat mit seiner Partnerin Betka Fislova und Titelbild seines Buches

(BS) Du sagst: Tango “passiert zwischen den Schritten”. Warum plagen wir uns dann überhaupt mit Figuren?

Der Schritt an sich ist nicht Tango. Ich meine damit: während du dich zB. von 1 nach 2 verlagerst, passiert der Tango. Du drückst in dieser Zeit etwas aus. Dein Körper kommuniziert in dieser Zeit. Die 2 ist dann bloß wieder Ausgangspunkt für die nächste Aktion. Man könnte das auch so sagen: Schrittfolgen und Figuren sind nur Übungen um die Reaktionen und Kommunikation mit der Partnerin, dem Partner zu spüren. Diese Kombinationen dienen der Musikinterpretation. Tatsächlich aber spürst du den Tango für dich selbst genau zwischen einem Schritt. Der Zauber liegt in diesem „Jetzt-Moment“.

(BS) Du hast dieses Buch geschrieben, weil du eine neue didaktische Methodik entwickelt hast. Aus eigener Erfahrung würde ich aber sagen, dass nicht jeder der 100 Figuren drauf hat und eine Show tanzen kann, sein Know-How auch vermitteln kann. Andererseits habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass die Faktoren Sympathie für den Lehrer und die Umgebung in der man lernt ordentlich beflügeln können. Zumindest Ängste abbauen helfen.

Didaktische Zahlensystematik nach Tangogermano

(GM) Auch hier greife ich auf meine eigenen Erfahrungen als Tango Schüler zurück. Als ich mit dem Tango begonnen habe, gab es in Salerno keine Tango-Schulen. Ich musste zu Workshops bis nach Rom fahren. Dort hatte ich dann das Problem, mir die vorgezeigten Sachen zu merken. So habe ich dann eine Art von Stenografie entwickelt. Das hat mir sehr geholfen. So konnte ich mir auch 10 Schritte eines Workshops merken. Als Lehrer habe ich die Erfahrung gemacht, dass man nicht mehr als nur 3 Schritte zeigen kann. Ab dem vierten Schritt können nur mehr 20% der Teilnehmer folgen. Das ist ja auch wissenschaftlich so belegt. Dh. zeige ich vier Schritte wissen 80% der Leute nicht mehr, was war der erste Schritt der Bewegung. So bin ich zu einer völlig neuen Art der Vermittlung des Tango Argentino gekommen.

Ich habe das in zwei Teile gegliedert. Zuerst einmal die Körper- und Bewegungsarbeit – also die „Kommunikation im Tanz“. Zweitens die didaktische Methode: wie lerne ich effektiv. Hilfreich ist eine Art von Zahlensystematik. Ich könnte damit auch deine Telefonnummer tanzen! Das Ziel ist, dass jeder Schüler ein Instrument in die Hand bekommt, mit der er sich Schrittfolgen notieren kann und umgekehrt Musik in Schrittfolgen umsetzen kann – ohne dafür zwingend einen Lehrer zu gebrauchen.

“Ich könnte auf deine Telefonnummer einen Tango tanzen”

(BS) Du stammst aus Salerno. Das ist eine Küstenstadt, die ja nun nicht als Tango Argentino Hochburg bekannt ist. Wie kamst du zum Tango?

Mit 17 Jahren habe ich schon als Profi-Musiker in Musikclubs Geld verdient und mir so mein Studium finanziert. Trotzdem habe ich als Brotberuf ein Studio für Grafik, Design, Fotografie und 3D Animationen geführt. Durch das Schlagzeug habe ich mein Rhythmusgefühl entwickelt – und das Interesse für alle Arten von Musik. So habe ich zuerst einmal Musik von Astor Piazzolla kennen gelernt. Es war dann Zufall, dass ich einmal eine Tänzerin gesehen habe, die zur Musik eines Progressiv-Tango tanzte. Ich fand da etwas in der Musik, dass ich als Tangosity bezeichne. Das Tanzen an sich hat mir nicht gefallen und mich auch nicht interessiert. Trotzdem war die Musik interessant. Diese „erste“ Begegnung endete hier.

Wohnzimmer-Workshop mit Livemusik & Eingang in Wohn- und Tanzstudio

Später hatte ich dann durch eine Freundin in Rom wieder Kontakt zum Tango. Dort wurde mir gesagt, dass Tango ein improvisierter Tanz ist. Das erinnerte mich an mein Schlagzeug, wenn ich improvisiere. Die Verbindung von der Musik zum improvisierten Tanzen begann mich zu interessieren. Diese Verbindung von Musik zum improvisierten Tanzen war ein Bereich der Musik, den ich noch nicht kultiviert hatte. Ich war ein Illustrator, der mit seinem Körper noch nicht getanzt hatte. Tango hätte also die Bedeutung, dass ich, ohne den Tanz an sich zu lernen, mit meiner Bewegung die Musik interpretieren könnte – und das galt dann als Tanz. Das war neu und interessant für mich. Ich hatte dann eine Tango Unterrichtsstunde. Und diese endete Katastrophal. Der Lehrer, er war ein älterer Argentinischer Tangolehrer, fragte mich nach meinem Beruf, und ich sagte ihm Musiker. Da meinte er nur: „Hör auf! Musiker können nicht tanzen!“ Ich war schockiert. Ich dachte mir: „Was für ein Trottel bist du. Wie kannst du das nur sagen.“ Aber heute weiß ich, dass es um die Verbindung zwischen der Musik und der Bewegung geht. Aber viele Musiker beschäftigen sich mit dieser Verbindung nicht. Leider hatte mir dieser Lehrer, durch sein Verhalten, dann den Weg über Tangokurse auch blockiert.

Ich war aber interessiert und so habe ich dann eine – ungewöhnliche – Methode gefunden. Ich habe versucht durch Videos Tango zu lernen. Ich habe alle Choreographien von Pepito Avellaneda, Michelangel und Oswaldo Zotto, usw. gekauft. Ich habe die Figuren alle alleine gelernt – aber ich konnte das nicht führen. Als ich einmal ein Video von mir selbst gesehen habe – es war schrecklich.

Schließlich habe ich den Tangolehrer Yazir Metin kennen gelernt. Der unterrichtete in Istanbul, New York und München und hatte an einem Wochenende in Rom insgesamt 14 Stunden lang nur Technik erklärt. Das war dann mein richtiger Einstieg in das Tanzen des Tango Argentino. Nach drei Monaten konnte ich alle seine Techniken und Schritte. Danach habe ich dann selber Workshops mit Yazir Metin in Salerno veranstaltet und so auch gelernt als Lehrer zu arbeiten. Später habe ich dann auch seine Lehrer wie, Gustavo Naveira und Gisele Anne, Alejandra Mantinan und Gabriel Missè, Mariano „Chicho“ Frumboli, usw. bei Workshops kennen gelernt.

(BS) Wie würdest du heute deinen Unterrichtsstil beschreiben?

(GM) Heute noch verwende ich Stilelemente von Gustavo Naveira. Ich weiß zwar, dass er geliebt und gehasst wird. In Argentinien polarisiert er. Ich verwende viele Stilelemente des ganz einfachen, sehr traditionellen Tango. Ich habe Freude am Tango, ich lächle beim Tanzen. Ich denke, auch wenn die Musik melancholisch ist, ist es eine fröhliche Bewegung. Wenn du den Tango tanzt, du hast ein friedliches Gefühl. Beim Tanzen wird diese Melancholie in ein schönes Bewegungsgefühl transformiert…

(BS) …Das ist ein schönes Bild. So geht es mir auch. Ich war ja unlängst beim Konzert von Adriana Valera. Wenn du eineinhalb Stunden lang diese Lieder hörst, dann bekommst du irgendwann, auch ohne Spanisch zu sprechen, mit, welche tragischen Geschichten da besungen werden. Aber am Ende, gehst du mit einem sehr ruhigem und schönen Gefühl nach Hause…

(GM) …ja, aber wenn du Blues spielst, dann musst du fühlen und traurig sein. Alle diese traurigen Elemente kommen auch im Tango vor. Aber in der Musik spüre ich das nicht. Da spüre ich ein lebensfrohes Gefühl.

(BS) Was würdest du über dich noch sagen?

(GM) Mein Name ist Germano. Meine Tango-Methode nennt sich Tangogermano. Das bedeutet: das ist meine Art von Tango, meine Art von Kontakt. Was mich am Tango interessiert ist seine universelle körperliche Sprache und weniger sein kultureller Aspekt.

Germano Milite, Jahrgang 1970, wurde in Salerno geboren. Sein Studium finanzierte er sich als Schlagzeuger in der dortigen Musikszene. In Salerno konnte es sich erfolgreich als Illustrator, Grafiker, Fotograf und 3D-Animateur etablieren. Den Tango lernte er zwar bereits in Italien kennen und tanzen, übte ihn dort aber nicht professionell aus. 2001 versuchte er in Stuttgart Fuß zu fassen, kam aber in Folge in München mit dem Tango, Professionell als Tangolehrer, in Berührung. Dort entwickelte er erste Schritte zu seiner didaktischen Methode „Kommunikation im Tanz“. Die in Wien ansässige Betka Fislova (Tänzerin für zeitgenössischen Tanz und Sängerin) begleitete er als Musiker. Aus der zunächst beruflichen Zusammenarbeit folgte die private Partnerschaft, die ihn dann nach Wien führte. Seit 2005 lebt Germano Milite in Wien. Hier startete er zunächst als Tango Lehrer in der Galeria-Ideal von Christian Xell. Mittlerweile hat er sich als „Tangogermano“ in der Wiener Tango Argentino Szene etabliert. Er bietet Unterricht und Workshops an und veranstaltet Milongas.

www.tangogermano.com, Fröbelgasse 47, 1160 Wien

Alle Bilder © Bernhard Siegl

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