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La Murga – der Karneval in Buenos Aires

Der Karneval in Buenos Aires heißt: La Murga

La Murga –  so nennt sich der Inbegriff des Karnevals in Buenos Aires. Auch der bekannteste und meistgespielte Tango aller Zeiten, „La Cumparsita“ war eine Auftragsarbeit für eine Murga. Wegen ihrer schonungslosen Kritik an den sozialen Verhältnissen waren sie in der Diktatur sogar verboten. Bis heute ist „la murga“ auch als politischer Karneval zu verstehen: „der Karneval ist die Stimme des Volkes, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt!”

Mitten im Sommer findet der Karneval an der Mündung des Rio de la Plata statt. Drückende Hitze, beißender Rauch vieler Grillstände, die „choripan“, das Brot mit Paprikawurst im Takt der Trommeln verkaufen. Kinder liefern sich Schaumspray-Schlachten. Clowns, Feuerspucker, Stelzengeher und viele, viele Fahnen. Die Straßenecke Corrientes/Medrano ist rammelvoll. Der recht eintönige Rhythmus im dumpfen Donnern der Bombos (Trommeln), dieses blecherne Scheppern der Platillos (Becken) und das gänsehautschnarren der Redoblante (Rasseln, Snare-Drum) wirken beklemmend, unheilverkündend und geheimnisvoll. Die unbeholfenen Verrenkungen und Sprünge, sie werden wie in Zeitlupe ausgeführt, mit der die Gruppen durch die Straße ziehenden, haben wenig gemein mit Fröhlichkeit und Ausgelassenheit unserer Faschingsumzüge.

Eine „murga“ ist eine Gruppe von Sängern, Trommlern und Tänzern die im Karnevalsumzug marschiert. Sie begleiten sich in eigens dafür komponierten Märschen. Heute steht die Bezeichnung „la murga“ ganz allgemein für den Karneval im Río de la Plata Gebiet, der den ganzen Sommer über andauert und das Straßenbild der ärmeren Viertel bestimmt. „la murga“ unterscheidet sich erheblich in den Ländern Argentiniens und Uruguay in Form und Bedeutung. Fast jedes Viertel in Buenos Aires hat eine eigene Murga. Sich mit dem eigenen Viertel zu identifizieren, es vorzustellen und seine Vorzüge und Besonderheiten zu loben ist Teil der Show. Traditionell treten Murgas in den sogenannten Tablados (Stadtteilbühnen) auf, um das Cuplé anzubieten. Das ist eine süßsaure Jahreschronik der Ereignisse, welche die Gesellschaft bewegen.

Vor mehr als 150 Jahren brachten Einwanderer aus dem Rheinland die Traditionen des Kölner Karnevals an den Río de la Plata. Hier verschmolz er mit Elementen des Karnevals aus dem südpanischen Cádiz und der Kanaren mit der Musik der ehemaligen schwarzen Sklaven zu einer eigenständigen Volkskultur. Die erste Nennungen des Begriffs Murga gab es 1876, in der Zeitung El Ferrocarril“ aus Montevideo. Auf Dosen und Kübel einschlagend und mit Mehl, Eiern und Farbe „bewaffnet“, zogen die Karnevalisten laut singend und tanzend durch die Straßen, um mit anzüglichen Sprüchen Obrigkeit und feine Gesellschaft durch den Kakao zu ziehen.

Gerade Mal zehn Murgas überdauerten die dunkle Zeit der Argentinischen Diktatur. Nur allmählich kehrten sie wieder zurück, wobei eine eigene, 1997 gegründete Kommission, die sich um die Wiederbelebung des Brauchtums in Argentinien bemühte, ein Überleben der Murga sicherte. Aus den damaligen 32 Murgas sind mehr als hundert geworden, die mit insgesamt 15.000 Murgueros das Leben in Buenos Aires mitbestimmen. Jede Murga hat ihre eigene Tradition, pflegt besondere Farben und verfügt über sie kennzeichnende Maskottchen. Typisches Outfit eines „Murgueros“ ist der fantasievoll verzierte – meist selbstgenähte – Seidenfrack, Handschuhe, Fliege und Hut. Entstanden ist das Outfit durch die schwarzen Sklaven, die sich den Frack der Herren stahlen und ihn nach außen gewendet trugen. So wurde das glänzende Innenfutter sichtbar, welches heute durch Seide und Pailletten symbolisiert wird. Das Outfit ist wichtiger als der Tanz und die Musik, die streng festgelegter Choreografie folgen. In den Texten werden politische und gesellschaftliche Themen stark pointiert bis sarkastisch aufs Korn genommen. In jüngster Zeit wird auch mit experimentellen Theater und alternativen Musikstilen aufgefallen. So finden politische Demonstrationen eine Projektionsfläche, aber auch Sozialarbeit – um Kinder von der Straße zu holen – ist Bestandteil der Murga geworden. Wegen ihrer schonungslosen Kritik an den sozialen Verhältnissen waren – und sind sie weiterhin – stets dem Argwohn der jeweiligen aktuellen Regierungen ausgeliefert, die ihre Aktivitäten nie gerne sahen. In den letzten Jahren ist dieses Genre stark gewachsen. Auf Grund ihrer enormen politischen Relevanz hören immer mehr Jugendliche charakteristische Murgasound, der längst auch in die lokale Popmusik Eingang gefunden hat. Die Murga konnte sich ihre Identität weitgehend bewahren, wohl auch deshalb, weil sie bis heute keine Touristenattraktion wurde. Die Gruppen ziehen an den Februarwochenenden abends durch ihre Viertel und ziehen dabei bis zu einer Million Zuschauer an, die sich als Fans und Kenner der jeweiligen Gruppe zu erkennen geben.

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