Das Magazin der Tango Argentino Szene in Wien
Philosophicum Szene Buenos Aires

Buenos Aires 1895 – ein Sittenbild

Written by Bernhard Siegl

Die ersten Straßen wurden elektrisch beleuchtet. Das erste Benzin getriebene Motorfahrzeug – ein Benz – war importiert worden. Die erste elektrische Straßenbahnlinie war in Betrieb. Das erste Kino (Odeon Theater) war in Planung. Die Stadt hatte ein enormes soziales, ökonomisch und städtebauliches Wachstum hinter sich, und ein viel größeres noch vor sich. Sie war seit 1869 von 180.000 Einwohner auf ca. 700.000 gewachsen. Und sie wird in den nächsten 15 Jahren auf ca. 1,6 Millionen Menschen zulegen. Eine argentinische Gesellschaft gab es noch nicht. Eher ein verwirrendes Netz an Konflikten. Das Land ist dünn besiedelt, von Bürgerkriegen zerrissen und zur Hälfte von kriegerischen Indianerstämmen beherrscht. Die andere Hälfte beherrschen Viehbarone. Sie leben in ihren Luxusvillen im Viertel Barrio Norte. Sie bereisen regelmäßig Europa und verschwenden dort Millionen in Casinos. Sie erkaufen sich Adelstitel und importieren Kunst und Antiquitäten Schiffsladungsweise. Einschließlich echter englischer Butler, französischer Gouvernanten und Dienstbotenheere. Nicht im Geringsten denken sie an Investitionen in die Industrie Argentiniens. So entstehen weitere Konflikte zwischen Buenos Aires und den wirtschaftlich völlig ruinierten Provinzen. Konflikte zwischen eingewanderten Gringos und einheimischen Crillos. Konflikte zwischen beruflich qualifizierten Einwanderern, spanischen und italienischen Landarbeitern und dem kreolischen Bauern. Konflikte zwischen Kleinbürgertum und der Agraroligarchie, zwischen jungen Liberalen und alten Reaktionären. Eine forcierte Einwanderungspolitik lässt Millionen aus Spanien, Italien, Frankreich, England, Russland, Österreich-Ungarn, Deutschland und dem vorderen Orient ins Land strömen. Viele verlassen das Land aber rasch wieder. Bodenspekulation, geringe Löhne, quasi Rechtlosigkeit, eine unterentwickelte Industrie und die völlige Abhängigkeit vom Getreide- und Fleischexport zerstören viele Selbstverwirklichungsträume. Aber eben diese Getreide- und Fleischexporte bescherten Argentinien zwischen 1890 und 1929 ein ungebrochenes und dynamisches Wirtschaftswachstum. 1895 wurde im Latifundistenverein Sociedad Rural, ein Schiffstyp ausgeschrieben, welcher Schlachtvieh nach Europa bringen konnte und auf der Rückfahrt Einwandern nach Argentinien bringen sollte. Die Euphorie der Oberschicht über die Zuwanderung kühlte in dem Maße ab, wie die Forderungen nach Verbesserungen der Lebensbedingungen lauter wurden und es erste Streiks gab. 1895 wurde die Sozialistische Partei gegründet. Die Schwarzen/Criollos waren bereits aus der Bevölkerung verschwunden und zahlenmäßig kaum noch auffällig. Die Einwanderer, hatten nicht nur die Berufe der Schwarzen übernommen, sondern waren auch in deren sozialen Raum eingedrungen und besetzten jetzt sogar deren Feste.

Buenos Aires 1895. Eingefärbt das Kerngebiet des Argentinischen Tangos.

Buenos Aires 2017. Eingefärbt das ursprüngliche Kerngebiet des Argentinischen Tangos.

Neben den öffentlichen Festen im Kalender, gab es die großen Theater, wie das Victoria oder das Apolo, in denen spanische zarzuela-Gruppen auftraten. Es gab an die 50 Theater in Buenos Aires, in denen jährlich mehr als 1000 Vorstellungen in drei Sprachen gegeben wurden. Die Zahl der verkauften Karten überstieg die 2 Millionen Stück. Zahlreiche Wanderzirkusse waren ständig in der Stadt. Unzählige mehr oder weniger private Vergnügungsstätten wurden betrieben, wo ebenfalls Musik und Tanz aufgeführt wurden. Sie wurden seit Mitte des 19. Jahrhunderts als salón de baile bezeichnet.

 Männer als Figuren im Tango

Am unteren Ende der sozialen Leiter spielten die neben den Militärkasernen gelegenen cuartos de chinas und vor allem die von Halbstarken und Gaunern besuchten Bordelle eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des tango porteño. Vor allem in La Boca, am Süddock des Hafens, wo Matrosen und Spieler in Spelunken und Opiumhöhlen für Umsatz sorgten, etablierten sich Zuhälter und Messerstecher, deren „Heldentaten“ massenhaften Stoff für die damals noch spontan improvisierten Texte zur Musik lieferten. Sie teilten sich das Viertel mit völlig normalen, einer Nachtruhe bedürftigen Anwohnern, Arbeitern und Handwerkern, Bäckern, Telefonisten, Schustern, Hafenarbeitern, Eisenbahnern, etc. mit bis zu fünfzehn Stunden Arbeitstagen, die sich bei der Polizei über den Trubel beklagten und entsprechenden Schutz einforderten. In diesen Vororten lebten Fuhrmänner, Schlachter, Lumpensammler und Tagelöhner. Das Verweigern regelmäßiger Arbeit war Ausdruck eines Restes Stolzes der Gauchos, die sich nicht mehr waren. Diese gedemütigten Gestalten zeigten sich trotzig in der Hose (bombacha) des Gauchos mit durch den Gürtel geschobenem Messer. Völlig in schwarz gekleidet war der guapo. Ein überzeugter Junggeselle, im Dienste von Bandenchefs, für die er im Falle des Falles auch sein Leben geben wollte. Sein Gegenüber war der compadrito. Ein Gauner und Trinker, der Frauen mit Gesang und Gitarrenspiel beeindruckte. Ein gewaltbereiter Angeber, der gerne provoziert und öfter als nötig im Krankenhaus landete. Der compadrón dagegen ist ein Feigling und Spitzel. Sie bevölkern die Straßen von Buenos Aires und liefern Stoff für Geschichten und Texte die zum tango porteño gesungen werden.

 Frauen und Prostitution

In der „Zwy Migdal“ Gesellschaft waren die polnischen Zuhälter organisiert. Sie lockten etwa 30.000 Frauen, hauptsächlich aus Polen und Österreich, ins Land und kontrollierten sie. Zwy Migdal profitierte von der Rechtlosigkeit der Bevölkerungsmehrheit und dem allgemeinen Notstand an Frauen. Nur 33 Frauen kamen auf 100 Männer. Vor allen Dingen deshalb, weil Frauen als Einwanderinnen deutlich unterrepräsentiert waren. Frauen hatten nur wenige Möglichkeiten. Als völlig unterbezahlte Fabrikarbeiterin reichte es kaum zum Überleben. Als Dienstmädchen beim bürgerlichen Familienoberhaupt, dass dort von allen männlichen Familienmitgliedern missbraucht wurde. Als Ehefrau eines ausgelaugten, ständig von Entlassung bedrohten Arbeiters in schmutziger Umgebung. Für eine unterprivilegierte Frau bot die Prostitution ein bisschen Chance auf minimale Alltags-Freiheiten. Die Prostitution muss ungeheuerlich gewesen sein. Sie gehörte zum Alltag und dürfte allgegenwärtig gewesen sein. Diese Organisationsform der Prostitution war ein Spiegelbild der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung Argentiniens bis in die 1930er Jahre hinein, als sich endlich ein demografisches Gleichgewicht einstellte. Der Mädchenhandel (la trata de blancas) mit hellhäutigen Frauen aus Europa hatte den afrikanischen Sklavenhandel abgelöst und brachte Buenos Aires den Ruf ein, vor London und Alexandria der wichtigste Umschlagplatz für Prostituierte zu sein. Die aus Frankreich gekommene Zuhältergruppe, die macós, brachte die Französische Liebesdienerin mit. Sie galt als Inkarnation französischer Eleganz. Der Schandlohn für Beischlaf betrug da schon Mal an die fünf Tageslöhne eines Arbeiters. Die größte Gruppe an Zuhältern aber waren Einheimische, die meist nur eine einzige Frau auf den Strich oder als pupila ins Bordell schickten. Zur Berühmtheit brachte es La Moreira. Eine von andalusischen Zigeunern abstammende Tänzerin von großer Schönheit und Geschicklichkeit mit der blanken Waffe. Sie besorgte junge Dirnen für ihren Geliebten, der diese dann an sogenannte Kommissionistinnen verkaufte, die ihrerseits diese Mädchen weiter vermittelte.

Der Tango wird Salonfähig

Der tango porteño entwickelte sich an den Außenbezirken der Stadt, am Übergang zum Land. Dort wo Lagerhäuser, Schlachthöfe, Buden, Brotöfen und Bauern, die aus dem Süden kamen, die Stadt versorgten. Die Viertel Orilla und Arrabales waren noch von ländlicher Rauheit geprägte Brutstätten der Kriminalität und für die Prostitution. Sie boten Platz für Banden und Gewalt aller Art.

Von der Straßenecke (esquina de barrio), wo Männer – aus Mangel an Frauen – mit Männern tanzten (was von der Stadtverwaltung verboten wurde), über die romanías españolas, die carpas, salones, trinquetes, bailetines, bailongas, zu den academias, casas de familias, cafés und cabarets, existierte um die Jahrhundertwende eine bunte Mischung öffentlicher und privater Veranstaltungen für Musik, Tanz und sinnliche Freuden. Das Ausleben der persönlichen Wünsche, ungeachtet der eigenen persönlichen sozialen Stellung, war die Triebfeder des Ganzen. Etablissements und Cafés vermieteten Zimmer. Das Velódrom (im Viertel Belgrano), das Pallón de los Lagos, La Glorieta oder das Hansen (im Viertel Palermo) waren berühmt. Hier traten die bekanntesten Orchester auf. Die Oberschicht verkehrte in casa de bailes, wie das Laura la Morocha oder im María la Vasca wo auch Rosendo Mendizábal arbeitete, der 1897 mit „El entreriano“ den ersten anerkannten tango porteño komponierte und aufführte. Von La Boca ausgehend spannte sich im Uhrzeigersinn der Bogen der für die Verbreitung des Tango relevanten Viertel über Matadero del Sur, den Südschlachthof in Richtung Norden zum Recoleta-Friedhof und dem ehemaligen Zuchthaus, das Feuerland genannt wurde.

1895 war man bereits mitten in der sogenannten Epoche der Guardia Vieja (Alte Garde). Im Tango war der Einfluss der Habanera noch deutlich spürbar, der von Randgruppen und niederen Schichten gespielt und getanzt wurde, obwohl seit 1870 in den Salons (in Montevideo sogar bei Geldstrafe) verboten. Diese Habanera wurde quebrada genannt. Um die Jahrhundertwende wurden alle Gesellschaftstänze wie Mazurka, Schottisch, Walzer, die außerhalb aristokratischer Kreise getanzt werden, zu milongueadas. Sie erlebten durch die Schwarze Bevölkerung Veränderungen. Sie mischten sich mit Habaneras und Liedern die aus Spanien nach Argentinien kamen. Die katalanische Sängerin Raquel Meller griff sogar Lieder aus der spanischen Operette auf. Alles mischte sich am Rio de la Plata mit dem Rhythmus der sozialen Bedingungen der Menschen an den Hafenanlagen. Hier wurde der Tango zur traditionellen Unterhaltungsform und speiste fortan die Musik und Tänze des tango porteño mit Künstlern und Inspiration, mit Melancholie, Schwermut, Pessimismus und einer bitteren Note an Dissonanz. Das Bandoneon erfuhr endgültig seine seine Verbreitung und prägte fortan das Orquesta Típica verbreitete sich und . 1895 änderte sich auch die Tanzhaltung. Man nahm die Haltung der Schwarzen endgültig an. Mit dem rechten Arm wurde die Taille der Frau umfasst und die Körper von der Taille abwärts auseinander gehalten um den Beinen Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Der Argentinische Tango wurde zum Geschäft. Die aufkommende Plattenindustrie und Kinos begannen den Tango in der Welt zu verbreiten. Argentinien hatte als Nation endlich ein einigendes kulturelles Symbol erhalten.

Quellen  und Weiterlesen bei:

Dieter Reinhardt, Tango (Verweigerung und Trauer), Taschenbuch, 450 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 92 Tangotexte Spanisch/Deutsch, Suhrkamp

Michel Plisson, Tango, 192 Seiten, 21 Farb- und Schwarzweißfotos, CD mit 21 Musikbeispielen, Palmyra 2002, ISBN: 3-930378-42-6 | Originaltitel: Tango: Du noir au blanc.

Bilder: La Boca © Privat. Plano de Basch © Archivo General de la Nación Argentina

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