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Tango (Verweigerung und Trauer)

Reichardt, Tango

Seit der Tango Argentino eine weltweite Präsenz entwickelt hat, erscheinen und erschienen eine Vielzahl an Büchern zum Thema. Mehrheitlich bemühen sie einen ähnlichen Aufbau und beschreiben gleichartige Inhalte. Dieter Reichardts „Tango“ ist anders. Zwar schildert auch er im ersten Teil des Buches die Geschichte und die sozialen Zusammenhänge des Tango in Argentinien und Uruguay. Aber er bietet noch einen zweiten Teil. Eine Sammlung von 92 Tangotexten im spanischen Original und deren deutscher Übersetzung. Damit gelingt es viel besser, als in anderen Büchern, die großen und kleinen Zusammenhänge der Tango-Kultur zu erkennen. Der Untertitel „Verweigerung und Trauer“ bezieht sich auf den Kontext, so wie der Tango sich selbst erlebt haben will.

Wer sich an das „Verstehen“ des Tangos und seine Seelenlage heranwagen will, der findet Antworten in diesem Buch.

Die Erstausgabe stammt aus dem Jahr 1981. Bei Suhrkamp hält es aktuell in seiner bereits 10. Auflage, die 2017 erschien. Das Buch darf sich als Klassiker empfehlen. Dieter Reichardt ist Professor für Hispanische Literaturwissenschaft in Hamburg. Er kennt Kultur und Literatur Südamerikas aus eigener jahrzehntelanger Beschäftigung damit. Mit Hingabe und im Detail schildert er die Lebenswelten der Bevölkerung am Rio de la Plata und das Entstehen der Tango-Kultur daraus. Manches kommentiert er pointiert. Das hier ist ein Buch, dass sich ernsthaft und umfassend mit dem Thema beschäftigt. Jene aus der Tango-Szene, die “den Spass” in den Vordergrund stellen und die dem Tango innewohnende Melancholie beiseite schieben, ist eher nicht die Zielgruppe dieses Buches. Will man einen fremden Kulturbereich und deren Werke bei uns vermitteln, dann muss man sie so, wie sie tatsächlich sind, darstellen. Und das tut Reinhardt hier.

Wie lebte der Einwanderer? Wie lebten Frauen und woher kamen sie? Welche Musikinstrument wurden eingesetzt? Wer waren die Pianisten und Bandoneonisten der Alten Garde? Der „Tangopapa“ Villoldo. Die Sänger und Sängerinnen. Vom Blechdosenfidler zum Tangogroßunternehmer. Der Aufstieg und Fall der Kleinbürgerdemokratie. Sozialkritik im Tango. Alles Themen die in dieser Art, so nur selten beschrieben werden. Reichardt gelingen in kurzer Form, informative und plastische Schilderungen. Sie werden unterstützt von zahlreichen Illustrationen, alten Fotos und Plakaten. Als Leser und praktizierender Tangotänzer kann man so quasi zum Tango-Wissenden reifen. Zu den Lied-Texten werden Autoren, Komponisten, Erstaufnahme und eine Menge an weiterführenden Informationen im Anhang angeführt. Ordentlich geführte Quellenangaben ermöglichen individuelles Weiterrecherchieren.

Dieter Reinhardt, Tango (Verweigerung und Trauer),  Taschenbuch, 450 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 92 Tangotexte Spanisch/Deutsch, Suhrkamp, 10. Auflage 2017, € 15

 

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